Faszination Whale Watching


Eines der schönsten Erlebnisse, die man als Mensch mit wilden Tieren haben kann, ist sicher das Delfine und Wale beobachten, „neudeutsch“ und sprachenübergreifend auch Whale Watching genannt.

Whale Watching hat sich in den letzten 15 Jahren zu einem boomenden Wirtschaftszweig entwickelt und wird sich voraussichtlich auch in Krisenzeiten über Zuwachsraten freuen können. Denn zu besonders und faszinierend ist diese Begegnung mit den anmutigen Delfinen und kleinen und großen Walen; viele Menschen werden dadurch in ihren Bann gezogen.

Herrausragend auch die Fähigkeiten der Säuger aus der Ordnung der Waltiere.

Im Laufe von Jahrmillionen haben sich diese ehemals hundeähnliche Tiere der Ordnung Waltiere körperlich perfekt an ihr Leben im Meer angepasst.
Diese Meerestiere sind stromlinienförmig hochaquatisch geformt, atmen innerhalb einer Sekunde durch die in der Evolution auf dem Rücken gewanderte Nase aus und sofort wieder ein, ihre Schwanzflosse fungiert als kraftvolles und einziges Antriebsmittel, sie entwickelten einen interhemisphärischen Schlaf, da sie keinen Atemreflex besitzen und so immer bereit zum Auftauchen sein müssen.
Ihr Hauptsinn ist das Hören, was durchaus sinnvoll ist, denn im Wasser wird Schall 5x schneller weitergeleitet als in der Luft.
Ausgefeilteste und effiziente Jagdmethoden in Gemeinschaft oder allein erstaunen uns immer wieder. Blauwal-„Kälbchen“ trinken jeden Tag 200 – 300 l Walmilch, sind bei der Geburt 7 – 8 m lang und wiegen 3 t und nach 7 - 8 Monaten haben sie schon 15 – 20 t zugenommen!
Angekommen beim Phänomen Pottwal verschlägt es einem - mir jedenfalls - endgültig die Sprache. Tauchgänge bis zu 2000m Tiefe mit einer Dauer von 1,5h!
Können Sie sich einen Bild davon machen, wie dunkel und kalt es dort ist? Wobei diese zwei Tatsachen nun wirklich kein Problem für einen ausgewachsenen Pottwalbullen darstellen - es ist mehr der Druck, der dort unten herrscht. Bei ca. 400 bar bleibt uns wahrlich nur ein fassungsloses Kopfschütteln (zum Vergleich: Im Inneren eines Autoreifens beträgt der Luftdruck etwa zwei Bar).
Nun, wenn die Evolution meint, auch Riesenkalmare brauchen Fressfeinde, dann müssen eben Wale an diese widrigen Bedingungen der Tiefsee angepasst werden....

Rätselhaft ihre Massenstrandungen.

Immer wieder kommt es vor, zuletzt in Tasmanien und Südafrika, dass Pilotwale oder andere Arten stranden. Sie folgen dem Leittier an Land und finden den Weg nicht mehr zurück ins Wasser. An einigen Plätzen auf der Welt kommt dies häufiger vor, was scheinbar mit geomagnetischen Linien, die direkt auf die Küste zu laufen, zutun hat. Bekannt in der Delfin- und Walwelt ist das starke Beistandsverhalten innerhalb der Gruppe, was den Tieren an dieser Stelle zum Verhängnis werden kann.

Umstritten ihre Intelligenz.

Faszinierend auch die Diskussion um die Intelligenz der Delfine - hier spalten sich die wissenschaftlichen Lager.
Die einen Experten meinen, das Gehirn gleiche Ratten und Hunden und auch, wenn es größer ist bedeutet es nicht zwangsläufig eine größere Intelligenz, da der Neocortex im Gegensatz zu uns Menschen statt sechs nur fünf Schichten aufzeigt und weniger Gehirnzellen pro Säule gezählt werden.

Damit wären wir nun natürlich auch bei der Definition von Intelligenz angelangt.
Mir kommt dabei folgendes immer als erstes in den Sinn:
Intelligent erscheint es mir, im Einklang mit ihrem Lebensraum seit Millionen von Jahren zu überleben, sich weiter zu entwickeln und sich perfekt an die gegebenen Bedingungen anzupassen.
Es lohnt sich durchaus, einen genaueren Blick auf die Intelligenz der Delfine und Wale zu werfen: Wenn man Lebewesen als intelligent bezeichnet, wenn sie Bewußtsein haben, Angst und Schmerz empfinden können, selbstgesteuert agieren können und Gefühle zeigen, sich selbst erkennen und ihr Gegenüber als Wesen behandeln, dann sind Delfine intelligente und faszinierende Lebewesen - oder auch nicht-menschliche Persönlichkeiten, wie Thomas White sie in seinem interessanten und lesenswerten Buch "In Defense of Dolphins" nennt.

Ich denke, so lange wir menschliche Maßstäbe ansetzen, werden wir nie das ganze Ausmaß delfinischer Intelligenz begreifen können. Der Mensch als Mittelpunkt dieses Universums – ist das vielleicht die Haltung, die unseren Planeten zerstört?
Denken wir zurück an John Lily, der in den 60er Jahren mit seinen gefangenen Delfinen viel Forschung betrieb, ein verrückter Pioneer, der mit Delfinen kommunizieren wollte - in unserer Sprache!
Vielleicht sollten wir vielmehr versuchen, diese besonderen Meeressäuger zu verstehen und uns die zum Teil vorliegenden zahlreichen Forschungsarbeiten zu nutze machen und dann unser Handeln entsprechend verändern. Bekannt ist, dass die Delfine Individuen sind und sich den Schutz der Gruppe zu nutzen machen. Ausgefeilte Kommunikation macht ein intensives Miteinander möglich.

Unbestritten die Faszination, die sie auf uns ausüben.

Was ist es wohl genau, was uns so anzieht? Ist es die Schönheit und Ästhik wie sie ihren hochaquatischen Körper durchs Blau des Meeres ziehen? Die elegante Kraft, ihre wendige und flexible Art, ihre Anpassungsfähigkeit oder dass sie gelegentlich sogar den Kontakt zu uns Menschen aufnehmen und auf Tuchfühlung gehen?

Mich persönlich fasziniert, wie Menschen auf die anmutigen Delfine und Wale reagieren und umgekehrt.
Seit 15 Jahren biete ich Reisen an, bei denen man frei lebenden Delfinen und Walen begegnen kann.
Die Reaktionsspanne der teilnehmenden Gäste reicht von Aufgeregtheit, Berührtheit, Gesprächigkeit und Leichtigkeit, Entspannung, Gänsehaut, sogar Freudentränen bis hin zu intensiver Stille. Fast niemanden lässt die Begegnung mit Delfinen oder Walen kalt.

Wir bewegen uns im weiten Feld der Interpretation ihres Verhaltens, doch oft hat es den Anschein, als würden die Meeressäuger auch zeitweise den Kontakt suchen, wenn z.B. der Motor abgestellt ist, kommen die Pilotwale ganz nah ans Boot, strecken vielleicht ihren Kopf aus dem Wasser und riskieren einen Blick oberhalb der Wasseroberfläche. Speziell die Jungtiere - neugierig und verspielt - schwimmen nah ans Boot, fiepen in hohen Tönen, suchen die Interaktion - bis das Muttertier das Kleine im wahrsten Sinne des Wortes zurückpfeift. Große Tümmler in der Bugwelle des Bootes schwimmend, drehen sich auf die Seite, damit sie hochschauen – uns sehen? – können. Eine Fleckendelfinmutter führt ihr Kalb stolz (?) 2 m von der Reling entfernt vor. Brydewale (12 - 15 m große Bartenwale) legen sich neben dem Schiff auf die Seite zeigen vertrauensvoll (?) den Bauch... Berührender Höhepunkt – die Grauwale vor Kalifornien. Jedes Jahr und immer wieder passiert es, dass sie direkt ans Boot kommen, ganz vorsichtig und sanft ihren Kopf oder Körper kontaktsuchend (?) an die Bootswand legen, ihr Blas über das kleine Schiff weht... näher geht es nicht. Dies sind Beispiele für Situationen, in denen sich die Stimmung verdichtet und jeder an Bord spürt: Hier wird Kontakt gesucht, in diesem Moment entsteht eine Verbindung zwischen uns beiden Spezies.

Sie hätten allen Grund den Kontakt mit dem Menschen zu vermeiden - jahrhundertelang wurden sie bejagt - doch vielleicht wissen diese einzelnen Individuen nichts davon. Verdient hätte die Spezies Mensch solch ein vertrauensvolles Verhalten sicher nicht.
Sind doch die Bestände der Großwale besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dermaßen dezimiert worden, dass einige Arten vom Aussterben bedroht sind: wie zum Beispiel Glattwale und Blauwale. In der Antarktis wurden z.B. die Blauwale so stark bejagt (99 von 100 Tieren), dass sogar die Ausscheidungen der Wale schmerzlich im Ökosystem des antarktischen Meeres vermisst werden.

Interessant und nachdenklich stimmend
Können wir gar etwas von ihnen lernen, es uns einfach abschauen?
Um noch einmal auf Thomas White zurück zu kommen, der sein Buch mit dem Gedanken beendet: Delfine sind Individuen, die sich dem Kollektiv unterordnen.
In Essenz: Ein bißchen mehr WIR und ein bißchen weniger ICH.

Wir haben nicht nur eine Weltwirtschaftskrise, auch Wale und Delfine sind in der Krise.
Im chinesischen setzt sich das Wort Krise aus zwei Symbolen zusammen: Gefahr und Chance. Meeressäuger sind unglaublich bedroht, ihre Lebensgrundlage (Fisch) und ihr Lebensraum (Meer) werden systematisch zerstört. Wir alle haben jedoch heute die Chance, etwas für das Überleben der Meeressäuger und des Meeres, und damit auch für uns selbst, zu tun. Nur weiter abwarten dürfen wir nicht mehr.


Faszinierend
Ein Anreiz dafür könnte die Faszination gegenüber diesen Lebewesen sein.
Ich denke, man muss nicht alles entschlüsseln im Leben und manches auf diesem blauen Planeten darf ein Mysterium bleiben. Es ist doch schön, in der heutigen Zeit Bereiche zu haben, die uns noch so faszinieren und eben nicht ganz genau zu erklären sind. Eines ist jedenfalls sicher: Es gibt sie, die Faszination der Wale und Delfine.


Susanne Braack