Die Kunst mitzufließen

Begegnungen mit frei lebenden Delfinen und Walen

Wer würde diese Fähigkeit des Mitfließens nicht gerne mehr in seinen Alltag integrieren und diese weibliche Qualität in sich wachsen lassen?
Ein Urlaub mit Begegnungen mit Delfinen und Walen kann auch in dieser Hinsicht sehr bereichernd sein. Denn ich spreche von dem Kontakt mit wilden, frei lebenden Meeressäugern in ihrer natürlichen Umgebung. Erstens stellt sich die Frage: Werden wir sie treffen und zweitens in welcher Stimmung sind sie? Gibt es einen gut organisierten Plan hinter ihrer Spontanität und Wandlungsfähigkeit?
Jede Ausfahrt ist neu und anders, da weiß man, nie genau, was, wann und wo passiert. Oft bleibt uns nichts anderes als Erwartungen Erwartungen sein zu lassen, den Moment zu genießen, so wie er sich uns präsent-tiert. Mal mit - oder manchmal eben auch ohne - Meeressäuger.
Aber wenn es dann passiert, sind alle Gäste an Bord nachhaltig berührt und beeindruckt. Treffen wir auf Delfine oder gar Wale, die meditative Variante der Delfine, wissen wir nicht in welcher Stimmung sie gerade sind. Wichtig für uns, ihre Grenzen zu achten und uns respektvoll an sie heranzutasten. Wir müssen uns eingeladen fühlen, um in einen näheren Kontakt zu gehen. Sie sind die Gastgeber, wir die Gäste. Schließlich fahren wir in ihrem Wohn-, Schlaf- und Esszimmer spazieren.

Durch das Meer im Südwesten von La Gomera ziehen alle Arten, die wir hier treffen können. Keine Gruppe lebt hier permanent, sondern alle Spezies halten sich monate- oder phasenweise hier auf. Wir finden hier eine ganz besonders hohe Vielfalt an verschiedenen Arten von Meeressäugern. Von weltweit 78 Arten sind hier bereits 21 gesichtet worden.
Ja, und das kann so aussehen: Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf einem umgebauten traditionellen Fischerboot auf dem Meer spazieren, betrachten die eindrucksvolle, bizarre Inselsilhouette von La Gomera. La Gomera ist die schluchtenreichste der Kanarischen Inseln, tiefe Täler „Barrancos“ ziehen sich vom hoch gelegen Felsmassiv der Insel herunter zum Meer.
Über Ihnen der blaue Himmel aufgemuntert durch vielleicht kleine, weiße Wölkchen. Sie entspannen sich in den rhythmischen Wellenbewegungen des Bootes und sitzen geschützt vor der Sonne unter dem Sonnensegel (oder für Sonnenanbeter: Sie liegen alle Viere von sich gestreckt auf dem vorderen Teil des Bootes und mit jeder Stunde an Bord vertiefen sich die bräunlichen Nuancen – nicht nur auf der Nasenspitze).
Um uns herum das große Blau, vielleicht die ein oder andere Insel am Horizont, dort wo Himmel und Erde sich treffen. Langsam taucht hinter der Silhouette von La Gomera der Teide, der höchste Berg Teneriffas und Spaniens auf, z.Zt. noch mit schneebedeckter Spitze bietet er einen imposanten Anblick.

Zur Zeit sind Delfine, die bekannten Großen Tümmler, 5 Tage hintereinander sehr nah an der Küste gesehen worden, so stellt sich die Frage, bleiben wir zu einem Stelldichein eher nah an der Küste oder fahren wir weiter raus?
Wir entscheiden uns weiterrauszufahren, denn das Meer ist glatt und lädt dazu ein.
Ich sitze auf dem Dach des Steuerhäuschens, denn von dort aus hat man den besten Rundumblick. Mit suchenden Augen dreht sich mein Kopf, von einer Seite zur anderen, mm um mm das Meer absuchend, nach etwas gräulich-schwarz Glänzendem, einem Splash oder Platscher oder irgendetwas auffälligem, was das malerische Blau von Himmel und Wasser unterbricht.

Und dann plötzlich, da ist doch was! Ich bitte den Kapitän in Richtung „zwei Uhr“ zu fahren und damit wir schauen können, ob es sich um Meeressäuger handelt oder vielleicht um die möwenartigen Pardela - Vögel, die sich tagsüber auf dem Meer ausruhen und fischen.
Wir haben Glück! Dort tummelt sich eine kleinere Delfinart, es müssen die Atlantischen Fleckendelfine sein. Je älter sie werden, um so mehr Flecken bekommen sie am Bauch. Ja, sie sind es und sie möchten Kontakt!
Als wir näher kommen, sehen wir sogleich einen Schatten unter dem Boot hertauchen, um sie dann gleich darauf vorne am Bug zu erwarten. Schon sind es drei, dann sechs Delfine in der Bugwelle. Ästhetisch wie immer sind ihre Bewegungen. Es muß für sie wie Surfen sein, mit ihrem ohnehin hoch aquadynamisch geformten Körper, genießen sie Wasserverdrängung des Schiffes, d.h. sie können sich mit noch weniger Aufwand durch ihr Element bewegen.
Wir quietschen und freuen uns wie die Kinder. Wir haben den Eindruck, daß unsere Stimmen sie „anfeuern“. Noch mehr Delfine tauchen auf. Insgesamt schätze ich die Gruppe auf 25 – 30 Tiere. Kurz können wir auch ihre hohen Töne, die der Verständigung untereinander dienen, hören. Dann tauchen sie ab, um bald darauf 30m vor dem Boot wieder aufzutauchen und uns seitlich entgegenzuschwimmen, um sich wieder einzufädeln in unsere Bugwelle, ready for the next ride!
Die Zeit bleibt stehen, die ganze Aufmerksamkeit gilt den Delfinen. Wir freuen uns und lachen. Alles, was vorher wichtig war, ist vergessen. Bevor sie sich verabschieden zieht noch einmal die ganze Gruppe sehr nah am Boot vorbei und alle springen nacheinander aus dem Wasser, um ihre Geschwindigkeit zu erhöhen. Es ist, als ob sie an uns vorbeifliegen. Es sind viele Babies dabei, mal gerade so einen Meter lang. Ein unvergesslicher Anblick.
Dann tauchen sie ab und ziehen weiter ihres unergründlichen Weges und wir tauchen wieder auf. Wieviel Zeit ist vergangen? Die Uhr sagt 40 Minuten.
Ich schaue in offene und fröhliche Gesichter. Ein Gefühl der Verbundenheit und Leichtigkeit hat sich an Bord ausgebreitet. Heute sind wir reich beschenkt worden, mit diesen Bildern im Herzen und einer ausgiebigen Mittags- und Badepause in einer Bucht, kehren wir erfüllt in den Hafen zurück.

Susanne S. Braack